Am vergangenen Sonntag, den 25.10.2020 lief “live” auf dem WWE Network das Professional Wrestling Pay-Per-View namens “WWE Hell in a Cell“. Hauptkämpfe waren das Titelmatch zwischen “WWE Smackdown” Frauen Champion “Bayley” und “Sasha Banks” sowie das Duell zwischen “WWE Universal” Champion “Drew McIntyre” und “Randy Orton“.

World Wrestling Entertainment Incorporated (WWE) ist eine sogenannte “Wrestling”-Promotion. Es ist eigentlich “die” Wrestling-Promotion, den keine andere (TNA, AEW, ROH etc.) ist größer, hat eine längere Tradition oder nur annähernd den Bekanntheitsgrad. Aber zum Value-Burggraben des Unternehmens komme ich später in einem ganz persönlichen Exkurs zum Produkt “WWE”.

Morgen wird der aktuellste Finanzzahlenbericht des Unternehmens erwartet und Analysten gehen davon aus, dass im abgelaufenen Fiskaljahr fast 1.000 Mio. US-Dollar Umsatz erwirtschaftet wurde. Womit verdient das Unternehmen sein Geld? Ist der aktuelle Aktienkurs von 38 US-Dollar ein guter Einsteigspreis? Und warum zur Hölle befasse ich mich überhaupt damit? 🙂

Das Produkt “WWE”

Bevor ich mir mühsam eine allgemeine Formulierung zum Business des Unternehmens aus den Fingern sauge, schlage ich zunächst einmal den einfacheren Weg ein und lasse Wikipedia zu Wort kommen:

[It] is an American integrated media and entertainment company that is primarily known for professional wrestling. WWE has also branched out into other fields, including movies, football, and various other business ventures.

The WWE name also refers to the professional wrestling promotion itself, founded in the 1950s as the Capitol Wrestling Corporation. It is the largest wrestling promotion in the world, holding over 450 live events a year, with the roster primarily divided up into three globally traveling brands and is available to 800 million homes worldwide in 28 languages.

Wikipedia

WWE ist ein Unterhaltungskonzern, der im Zuge der nach dem 2. Weltkrieg gewachsenen, globalen Dominanz und Strahlkraft des anglo-amerikanischen “Way-of-Life” das Professional Wrestling und alles, was damit zusammenhängt bzw. aus ihm entstehen kann, weltweit vermarktet. Als Beispiel für die Strahlkraft, Dominanz und Reichweite von WWE möchte ich hier ein paar illustrierende Videos verlinken:

Live Pay-Per-View Event in Saudi-Arabien 2019
WWE Wrestlemania 35 Eröffnung
Wie aus Dwayne Johnson das Produkt “The Rock” wurde
Das Produkt “The Undertaker” bei einem Live-Event

Die Liste der beeindruckenden Momente ist unendlich und ich werde darauf noch weiter eingehen müssen. Aus diesem Grund soll nun der Exkurs dazu erfolgen, wie ich den WWE Value-Burgraben erlebt habe und wie ich dazu stehe. Ich hoffe, der unebedarfte Leser gewinnt einen noch besseren Eindruck vom Produkt WWE.


Exkurs: WWE Value-Burgraben

Seit nun fast 30 Jahren verfolge ich die Hochs und Tiefs des Professional Wrestling, von Vince McMahon (dem CEO), der WWE (damals noch WWF). Das erste Mal in Kontakt mit dem Produkt kam ich bei Wrestlemania 6, als “Hulk Hogan” (der World Champion) und der “Ultimate Warrior” (der Intercontinental Champion) im Main-Event der Veranstaltung gegeninander antraten.

Ich wachte nachts auf, um einem Bedürfnis nach dem stillen Örtchen zu fröhnen, und im Wohnzimmer lag mitten in der Nacht mein Vater vor dem Fernseher und guckte diesen Kampf live. Es hat eine Weile gedauert bis er mich bemerkte, aber das, was ich bis dahin gesehen hatte, fesselte mich, machte mich neugierig und die Tatsache, dass mich mein Vater mit einem Hauch von “das ist nichts für dich” ins Bett schickte, feuerte mein Interesse nur an.

Seit dieser frühesten Erinnerung also kenne ich den Undertaker, Shawn Michaels, Bret Hart, Steve Austin, The Rock, Goldberg, WWE, WCW, die Monday Night Wars, die Attitude Arä, die Divas, die Reality-Formate, die Dokumentation, das WWE Network, die Hall of Fame. Das sind alles Begriffe, die eigentlich nur einem eingefleischten Fan etwas sagen und die dem unbedarften Leser nicht annähernd die Fülle an Bildern vor das geistige Auge zaubern, die bei mir entsteht.

Was ich eigentlich nur sagen möchte ist, dass es schon lange nicht mehr nur um das Pro-Wrestling geht, bei dem natürlich jeder weiß, dass es eigentlich nicht wirklich böse Kämpfe sind. Es geht um die Filme, die Charaktere, die Persönlichkeiten, die Interviews, die Geschichten, die Gerüchte, die Unfälle, die Traditionen, die Fehden, die Live-Events, die Social-Media-Accounts der Protagonisten; kurzum, es geht um das unendliche Universum drum herum.

In den vergangenen 30 Jahren habe ich nicht einen einzigen Cent/Pfenning für ein Produkt der WWE ausgegeben. Ich habe kein Pay-Per-View gekauft, ich war nie bei einer Live-Veranstaltung, war nie bei einem WWE Movie oder habe mir einen der unzähligen Merchandise-Artikel zugelegt. Dennoch würde ich mich selbst als Fan dieses Produktes, dieses Universums bezeichnen. Verrückt oder?

Zwei große Haken

Es gibt allerdings einen Haken, den ich in meiner Schwärmerei nicht verschwiegen möchte. So, wie die US-Amerikaner der Meinung sind, “the greatest nation on god’s green earth” zu sein; so, wie sie der Meinung sind, dass sie alle Kriege auf der Welt “for the greater good” und “freedom” führen; genauso fließt und quillt und sickert manchmal der egoistische, amerikanische Patriotismus so sehr aus dem Produkt, dass ich rechtzeitig ausschalten muss, um nicht einem akuten Brech-Durchfall anheim zu fallen.

Aber das sage ich als Deutscher. Als US-Bürger fände ich es wahrscheinlich geil.

Ein weiterer Aspekt wurde jüngst von John Oliver in seiner Sendung “Last Week Tonight” thematisert. Alle Wrestler, die für die WWE arbeiten, sind quasi selbständig und werden nur für bestimmte Events engagiert. Demzufolge ist es das Problem des Wrestlers, wenn er sich verletzt und dadurch Einnahmeausfälle zu beklagen hat.

John Oliver über die WWE und ihrem Umgang mit Wrestlern (“talent”)

Somit ist die WWE also eine ganz normale amerikanisch-kapitalistische Corporation, die hauptsächlich den Eigentümer (der McMahon-Familie) bzw. den Anteilseignern (juchhhu!) und ihrem Reichtum dient. Das Verrückte an dieser Sache ist aber, dass die Wrestler das wissen, so mitmachen, weil sie selbst für dieses Produkt, den Nervenkitzel, den Ruhm so brennen, dass sie ihr ganzen Leben (solange es geht) dem WWE-Produkt verschreiben.

Sehr schön zum Ausdruck kommt diese Hingabe an das “Business” in der Dokumentation “The Last Ride”, in der der Mark Callaway (der “Undertaker”) beschreibt, wie schwer es war, loszulassen, obwohl der eigene Körper es vehement fordert.


Innovationskraft

Die Corona-Krise hat ein weiteres Mal bestätigt, wie innovativ die WWE mit ihrem Produkt ist. Als im Zuge des Lockdowns in den USA alle Live-Veranstaltungen abgesagt wurden, hat das Unternehmen seine drei wöchentlichen Shows (RAW, Smackdown, NXT) in sein Trainings-(Performance)-Center in Florida verlegt. Dort wurde vor leeren Rängen ausschließlich für das Fernsehen gekämpft und promotet und ich habe gemerkt, dass es auch hier ähnlich ist wie in der Bundesliga: ohne das Fieber der Fans, die Stimmung, die Interaktion mit den Protagonisten, ist das Produkt nur halb so viel wert.

Allerdings hat sich Vince (McMahon) nicht lumpen lassen und inzwischen ist der “WWE Thunderdome” entstanden, in dem wieder Pyro-Technik abgefackelt wird und ein paar hundert Fans per Live-Video und Sound in die Arena geschaltet werden. In der RAW-Sendung vom Montag war Matthew McConaughey mit seinen Söhnen sogar online dabei. Das Bild von hunderten Monitoren und dem Rauschen der Fans im Hintergrund, die mit ihren Gesichtern den Ring umrahmen, ist wirklich ein beeindruckendes Exempel für die Innovationskraft von WWE.

Finanzkennzahlen (Ende 2019)

Kommen wir nun zu den trockenen, nüchternen Zahlen. Das Geschäft der WWE ist in die Segmente Media, Live-Events und Customer Products aufgeteilt. Im 2019er Jahresbericht erzielten die Bereiche jeweils 743 Mio. USD, 126 Mio. USD und 92 Mio. USD Umsatz. Als primäre Rentabilitätskennzahl der Segmente weißt die WWE ein “adjusted Operating Income Before Depreciation and Amortization (OIBDA)” aus. Warum? Na weil…

The Company believes the presentation of Adjusted OIBDA is relevant and useful for investors because it allows investors to view our segment performance in the same manner as the primary method used by management to evaluate segment performance and make decisions about allocating resources. Additionally, we believe that Adjusted OIBDA is a primary measure used by media investors, analysts and peers for comparative purposes.

Jahresbericht 2019, seite 26

Bei einem Gesamtumsatz (2019) von rund 960 Mio. USD erzielte die WWE ein Operating Income von rund 117 Mio. USD, was in einem OIBDA von 180 Mio. USD mündet. Die Eigenkapitalquote lag bei 27%, die freie Liquidität bei 425 Mio. USD und das durchschnittliche Ergebnis pro Aktie bei 0,40 USD. Beim Aktienkurs von etwa 38 USD entspräche das einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 95.

Quartalszahlen 2020

Das Jahr 2019 lag aber natürlich vor dem Corona-Jahr 2020 und somit ist es nun natürlich interessant zu erfahren, wie die ersten Quartale 2020 inkl. Corona liefen. Dafür beziehe ich mich auf die “Q2 Earnings Presentation” und bin wenig überrascht zu sehen, dass die Segmente Media und Customer Products ihren Umsatz nahezu halten, aber dafür das Operating Income und mit ihm das OIBDA erheblich steigern konnten.

Wie zu erwarten war, ist der Umsatz bei den Live-Events fast vollständig eingebrochen. Aber dort, wo keine Live-Events stattfinden, fallen auch keine Kosten an. Somit fällt der operative Verlust von 4,5 Mio. USD aus meiner Sicht glimpflich aus und wird ohnehin von den anderen beiden Segmenten locker kompensiert.

Fazit

So! Weil der Text nun schon wieder länger ist, als ich es erwartet habe, werde ich nun langsam zum Schluss kommen. Die WWE zahlt seit 7 Jahren konstant 0,48 USD Dividende ja Aktie (quartalsweise). Im Jahr 2014 gab es einen Verlust je Aktie, der aber aus meiner Sicht im Zusammenhang mit der einmaligen Einführung des eigenen Content-Streaming-Abo-Dienstes “WWE Network” gesehen werden muss.

In Bezug auf die Aktionärsstruktur und die Stimmrechte ist zu sagen, dass es A- und B-Aktien gibt. A-Aktien bieten ein Stimme je Aktie, B-Aktien jedoch 10 Stimmen je Aktie. Die Mehrheit der B-Aktien hält Vincent Kennedy McMahon (CEO & Gründer). Es ist also fair zu sagen, dass mit WWE nichts passiert, was “Vince” nicht will. Die Eigentümerliste der A-Aktien hingegen beinhaltet die üblichen Verdächtigen (BlackRock, Vanguard Lone Pine Capital etc.). Alles wie immer also.

Die eine Frage, die noch beantworten werden will, ist: Sind 38 USD je Aktie ein gute Preis für das Unternehmen? Wenn der Buchwert je Aktie zwischen 3 und 4 USD und das KGV bei 100 ist diese Frage ganz klar mit “Nein” zu beantworten. Zwar ist das Unternehmen innovativ und wird im Bereich der Live-Events auch nach Corona weiterhin wachsen können, aber so eine Überteuerung ist für mich aus Value-Sicht dann doch zu viel des Guten (und hierbei ist das asymmetrische Aktien-Stimmrecht sowie das Wechselkursrisiko Euro/Dollar noch gar nicht berücksichtigt).

Vielen Dank lieber Leser für das ausdauernde Interesse! 🙂

– Fin –