Bouvier investiert!

Value & Price

Sparen, aber richtig!

In den zuletzt doch etwas turbulenteren Börsentagen drängte mich meine Intuition zu der Frage, ob es nicht doch besser wäre zu sparen, statt in Wertpapiere zu investieren. Solcherlei Fragen beschäftigten mich üblicherweise so sehr ein, dass ich beginne, alles, was ich glaube darüber zu wissen, nochmals nachzulesen, genauer zu lesen, weiterführender und tiefergehender zu lesen, bis mir am Ende der Lektüre natürlich der Kopf brummt. Am nächsten Tag, nach einer Nacht voll erholsamen Schlafes, finde ich dann aber den notwendigen Gehirnschmalz dazu, das Gelesene zu ordnen und zu Papier zu bringen. Das heutige Ergebnis ist dieser Beitrag zum Thema Gold, Geld und Schuldscheine!

Definition “Geld”

Wenn ich von “Sparen” rede, dann meine ich das Einbehalten meiner sauer verdienten Euro-Einheiten bzw. den Verzicht auf die Weitergabe dieser Euro-Einheiten an jemand anderes zu Investitions- oder Konsumzwecken. Ich rede bewusst von “Einheiten” und nicht von “Geld”, weil ich mich zunächst einmal der Definition des Begriffes “Geld” widmen möchte. In seiner Aussage vor dem US-Kongress am 18. Dezember 1912 soll J. P. Morgan dazu – ja, der J. P. Morgan – folgende interessante Aussage getätigt haben:

“Money is gold, and nothing else.”

J. P. Morgan, 18.12.1912 vor dem US-Kongress

Auf diese Aussage stieß ich in einem laaangen Artikel von James Turk mit dem Titel “What did J. P. Morgan Mean?”. Diesen Artikel lege ich jedem Interessierten gern ans Herz (hier auch in deutscher Übersetzung), weil er mich eben dazu bewegt hat, anders über das Sparen zu denken.

Die Wikipedia sagt, Geld würde von der Volkswirtschaftslehre “funktional definiert”, also das, was die Funktion von Geld erfüllt, ist Geld oder wird als Geld angesehen. Die Quelle für diese Aussage der Wikipedia ist das Buch “An Outline of Money” von Geoffrey Crowther aus dem Jahre 1940. Soweit so klar. Zur Geldfunktion selber gibt es natürlich auch einen Wikipedia-Artikel, hier aber nur die Kurzform davon (die Funktionen lauten: Zahlungsmittel, Wertaufbewahrung, Wertmess- bzw. Recheneinheit, Soziale Funktion). Viel wichtiger aber ist die im Vorspann des Artikels getätigte Aussage: “Je besser ein Gut die Geldfunktionen erfüllt, umso eher wird es als Geld angesehen.” Was ich an dieser Stelle also festhalten will ist, dass ein Gut nicht per Gesetz oder durch den Namen “Euro” zu Geld wird, sondern durch seine allgemeine, also von den Nutzern des Gutes anerkannte Fähigkeit die Geldfunktionen zu erfüllen (Mal sind das Schnecken, mal Kakaobohnen oder auch mal Zigaretten).

Was steckt hinter einem “Euro”?

In der Praxis gehen viele Menschen heute davon aus, dass der Euro alle Geldfunktionen erfüllt, denn täten sie es nicht, würde der Euro nirgendwo also Zahlungsmittel akzeptiert. Was für den Euro im Speziellen gilt, trifft natürlich ebenso für alle ungedeckten FIAT-Währungen (Dollar, Krone etc.) zu. Was mich beim “Sparen” nun aber besonders interessiert ist die Wertaufbewahrungsfunktion des Euro-Geldes und seine Fähigkeit, diese Funktion zu erfüllen. Um das zu bewerten, muss ich aber wissen, was ein Euro ist.

Die Grundlage des Wirtschaftens ist allgemein ausgedrückt der Austausch von Gütern. Wenn jeder Mensch alle Güter seines Bedarfs selbst herstellen könnte, müsste kein Austausch stattfinden, es würde kein Geld benötigt, aber so ist es ja nun einmal nicht. Wenn nun also zwei Menschen Güter miteinander austauschen wollen, der eine ein Brot, der andere eine Melone, dann müssen diese beiden Menschen ein Weg finden, den Wert einer Melone mit dem Wert eines Brotes zu vergleichen. Auch das Gut, welches als Geld angesehen und verwendet wird/werden soll, quasi der “Zwischenspeicher” für asynchrone Transaktionen, muss mit allen anderen Gütern messbar sein. James Turk formuliert das so:

Money comes into existence like every other good and service. They all are a result of labour diligently applied to a task completed over time to produce a useful outcome. A farmer produces food, a builder a house, a manufacturer a car, and so forth. All of these items are useful products. Similarly, useful services are provided by a barber cutting hair, a waiter serving food, etc.

James turk in “What did J. P. Morgan mean?”

Aha! Alle Güter, die produziert werden, werden durch die in sie investierten Arbeitsstunden bewertet. Meine nächste Frage lautet also: Wieviele Arbeitsstunden investierte Mario Draghi in die Herstellung der Euro für sein Staats- und Unternehmensanleihenkaufprogramm?

Sparen in Euro

Die Antwort rate ich jetzt einfach einmal: mehr als ein müdes Lächeln wird dafür nicht nötig gewesen sein und daher illustriere ich den Herstellungsprozess des Gutes “Euro” exemplarisch mit Hilfe von Abbildung 1.

Mario Draghis Gesichtsausdruck während der Herstellung des Gutes Euro. "Ein müdes Lächeln". Sparen ist nicht gleich sparen.
Abbildung 1: Mario Draghi während der Produktion von 60.000 Mio. Euro

Wenn die Herstellung eines zusätzlichen Euros also “so teuer” ist, warum bin ich dann überhaupt bereit, wöchentlich 40 Stunden meiner Lebenszeit gegen Euro-Einheiten als Arbeitszeit an meinen Arbeitgeber zu verkaufen? Na weil alle anderen genauso blöd sind wie ich. Ich kann im Supermarkt mit Euro zahlen, ich kann damit Aktien kaufen, ich kann meine Steuern damit begleichen und so weiter und so fort. Solange ich also Güter erwerben muss, die ich nicht selbst herstellen kann, die ich aber für mein tägliches Überleben benötigte, solange ich meine Schulden damit begleichen kann und solange eine gewisse Preisstabilität herrscht, erfüllt der Euro die Geldfunktionen “Zahlungsmittel”, “Wertmess- & Recheneinheit” und “soziale/kommunikativ Funktion” sehr gut.

Jetzt benötige ich für das Bestreiten meines Lebensunterhaltes aber nur den Gegenwert von 20 Stunden Arbeitsleistung und habe danach noch 20 Stunden “übrig”, deren “geleisteten Arbeitswert” ich gern über Jahre hinweg mit der Kaufkraft von heute konservieren möchte. Ich will den Gegenwert meiner Arbeit für späteren Konsum aufbewahren, also “sparen”; ist der Euro dafür das Geld-Gut meiner Wahl? Mal sehen…

Richtig sparen

Wie aufwendig es ist, einen Euro herzustellen, habe ich demonstriert. Wenn ich also 20 meiner geleisteten Arbeitsstunden für einen Bruchteil des obigen Lächelns hergeben soll – mehr an geleisteter Arbeit bekomme ich defacto ja nicht zurück – und dieser Bruchteil eines Lächelns ist dann auch noch das, worauf ich mich in Bezug auf Werterhalt die nächsten Jahre verlassen muss, dann bekomme ich Magen-Darm-Beschwerden.

Wieviel Güter ich in 5 bis 10 Jahren für meine heute geleisteten 20 Arbeitsstunden erstehen kann, weiß ich heute noch nicht. Ich weiß aber, dass Grund und Boden nicht beliebig vermehrbar ist; ich weiß, dass bspw. Gold ein sehr seltenes Metall ist, dessen Herstellung einen immensen Arbeitsaufwand beteutet und das darüber hinaus auch noch verbraucht wird. Ich wünsche mir für die Geldfunktion “Wertaufbewahrung” also ein Geld-Gut, das natürlicherweise knapp ist und/oder dessen Herstellung viele Arbeitsstunden kostete.

Nehmen wir mal an, dass 20 meiner geleisteten Arbeitsstunden in Euro-Einheiten einer Unze Gold entsprechen. (Schon allein diese Vorstellung ist grotesk, wenn ich mir die Aufwände für das Heben dieser Unze Gold betrachte). Damit kann ich mir am Ende der Woche schon einen Krugerrand unter das Kopfkissen legen, am Ende des Monats sind es davon dann insgesamt 4 Stück. In Eurowährung wären das heute so rund 5.000 Euro. Wo liegt hier nun der Spar-Unterschied?

Der Unterschied liegt darin, dass ich im ersten Fall auf gut 80 Stunden harter Arbeit schlafe und im zweiten Fall auf dem Bruchteil eines Lächelns, das durch die Ausgabe weiterer dieser auf Euro lautenden Schuldscheine sehr einfach noch weiter verwässert wird werden könnte. Ein Euro erhält seinen Wert nämlich nicht durch die bei seiner Herstellung investierte Arbeit (wie auch?), sondern durch mein Vertrauen darauf, das mir ein anderes Wirtschaftssubjekt später Güter im Gegenwert meiner heute geleisteten Arbeit dafür gibt. Für die Werthaltigkeit meines Ersparten bin ich beim Sparen in Euro-Währungseinheiten auf jemand anderes angewiesen (“counterparty-risk“). Ich muss daran glauben, dass die Preise stabil bleiben, dass die Euro-Schuldscheine weiterhin ihre Gültigkeit behalten, ich muss daran glauben, dass alle anderen Wirtschaftssubjekte meinen Glauben teilen. Beim Sparen in “Arbeitsstunden” bzw. deren Repräsentanz in Form eines echten “Geld-Gutes” muss ich das alles nicht. Ich hab gearbeitet, habe meine Arbeitsstunden (“die Früchte meiner Arbeit”) gegen andere Arbeitsstunden (“die Früchte anderer Arbeit”) eingetauscht und damit ist die Transaktion beendet. Kein Schuldschein, kein Vertrauen, keine Angst.

In diesem Sinne lässt sich ein “Investement in Gold” sehr wohl als Value-Investment begreifen, je nachdem, zu welchem Preis ich die für die Goldunze geleisteten Arbeitsstunden erwerben kann. Denn früher oder später, wenn Notenbanken/Zentralbanken/Regierungen nichts mehr ausrichten können, weil das Vertrauen in die als “Geld” bezeichnete FIAT-Währung verloren gegangen ist, dann wird sich der Preis einer von einem Menschen geleisteten Arbeitsstunde wieder seinem inneren Wert angleichen, denke ich.

Morgan’s Aussage “Money ist gold, and nothing else.” liegt für mich demnach in seiner Überzeugung von der allgemeinen Akzeptanz des Goldes als universellem Wertaufbewahrungsmittel begründet. Alle nachfolgenden Ereignisse (Goldverbote, Bretton-Woods, Nixons Aufkündigung der Goldbindung des Dollar) sind logische Episoden dieser in Finanzkreisen herrschenden Überzeugung.

Vielen Dank für das geduldige Lesen und damit nun auch viel Erfolg beim Sparen!! 🙂

– Fin –

2 Kommentare

  1. Hallo Vincent Bouvier,

    das ist wieder mal ein toller Artikel – meine Hochachtung vor Ihrer Komtemplationsfähigkeit!! Den Vergleich mit dem Lächeln von Herrn Draghi finde ich super!!!
    Meine konkrete Frage: Sparen Sie also tatsächlich via Goldinvestment und falls ja, wie konkret ? Physhisches Gold?

    Viele Grüße
    Malte

    • Lieber Malte,

      ja, der Teil des Ersparten, der zurückgelegt/konverviert werden soll, der nicht investiert werden soll, der nicht für unvorhergesehene, monetäre Aufwände zurückgelegt/verfügbar gehalten werden muss, fließt in einen unbefristeten, physischen “Pot” mit Gold/Silber. Oftmals werde ich bei den aktuellen Goldpreisen zu der Überlegung verführt, doch einen Teil davon zu verkaufen. Aber dann stelle ich mir vor, wie ich mit 500 oder mehr Euro je Unze mehr in der Hand dastehe und mir überlege, was ich damit anfange, um richtig zu sparen. Und dann gelange ich wieder zum Edelmetall. Also lasse ich es einfach liegen und verkaufe nicht.

      Die Frage, wann man dann überhaupt verkauft, ist jetzt natürlich berechtigt. Aber darauf habe ich noch keine Antwort gefunden. Wahrscheinlich finde ich sie Laufe meines Lebens, wenn das Sparen keine Bedeutung mehr für mich hat. Mal sehen…

      Viele Grüße
      V. Bouvier
      ..

      Viele Grüße

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